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Senioren-WG

Wohnen im Alter – Senioren-WGs wirklich uninteressant?


Im Hinblick auf den demografischen Wandel in Deutschland wird das Thema Wohnen im Alter immer wichtiger. Doch trotz dieser Tatsache und den Bemühungen überregionaler Akteure, wie etwa des Vereins "FORUM Gemeinschaftliches Wohnen", neue Wohnformen stärker zu etablieren, konnten sich diese bei den Nachfragern noch nicht durchsetzen. Diesen Eindruck vermittelt zumindest eine Studie des Immobilien-Dienstleisters Jones Lang LaSalle und der DPF AG sowie der Forsa. Doch ist dieser Eindruck wirklich zutreffend oder lohnt sich eine genauere Betrachtung?

Wohnen im Alter

Im Alter wohnen Deutsche überwiegend in der eigenen Wohnung und – sofern sie im Mehrfamilienhaus (56 %) leben – zu 64 % zur Miete. Die Wohnung ist – verglichen mit der durchschnittlichen Wohnfläche der Deutschen (90 m²) – relativ großzügig bemessen: die über 50-Jährigen wohnen auf immerhin durchschnittlich 105 m². Nicht verwunderlich, dass 65 % der Befragten eine kleinere Wohnung wünschen, sollte im Alter ein Umzug erforderlich werden. Das Wohnkostenbudget muss dabei gar nicht unbedingt im gleichen Maße schrumpfen. Fast die Hälfte der Befragten (48 %) würde bei einem Umzug in eine altersgerechte und kleinere Wohnung in etwa gleich viel ausgeben wie zurzeit, 12 % der Befragten wären sogar bereit, mehr als bisher für eine barrierefreie Wohnung auszugeben.

Falsches Bild von der Senioren-WG?

Die Studie stellt fest, dass alternative Formen des Zusammenlebens im Alter, Generationen- oder Senioren-WGs, bisher äußerst selten sind und prognostiziert, dass diese auch in Zukunft kaum eine Rolle spielen werden. Schaut man jedoch genauer hin, erkennt man, dass sich die Gruppe der 50- bis 60-jährigen mehrheitlich vorstellen könnte, in Wohngemeinschaften zu leben. Erst in der Altersgruppe der über 70-jährigen stößt man auf eine mehrheitliche Ablehnung dieser Wohnform. Das mag zum Teil auch daran liegen, dass diese Altersgruppe deutlich weniger Erfahrung mit dem Leben in Wohngemeinschaften gemacht hat. Außerdem ist anzunehmen, dass falsche Vorstellungen von einer Wohngemeinschaft die Aussagen der Befragten negativ einfärben. Senioren-WG ist jedoch nicht gleich Senioren-WG. Fachpflegekräfte sind in unterschiedlichem Ausmaß integriert: Von ständiger Anwesenheit – dann übernehmen sie die Rolle der Präsenzkräfte – bis zu einer rein ambulanten, fallweisen Versorgung („Pflege als Gast“). Die Mitarbeit von Angehörigen und Engagierten ist ebenfalls unterschiedlich geregelt: „Wohngruppen in geteilter Verantwortung“ sehen die verpflichtende Mitarbeit von Angehörigen oder gesetzlichen Betreuern in allen Mietangelegenheiten, in der Haushaltsführung oder auch in der Betreuung vor, während stationäre Hausgemeinschaften oder auch pflegedienstbetriebene, ambulante Wohngemeinschaften auf die Einbeziehung der Angehörigen verzichten (können). Wohngruppen oder Wohngemeinschaften sind in Häusern oder großen Einzelwohnungen untergebracht, so dass den BewohnerInnen individuell einzurichtende Einzelzimmer, seltener auch Doppelzimmer, zur Verfügung stehen sowie Gemeinschaftsräume, also Küche, Bad, Wohnzimmer, Flure und evtl. Garten.

Wunsch nach selbstbestimmtem Leben

Die Ablehnung der Wohngemeinschaft als Wohnform ist besonders interessant, wenn man sie mit dem Wunsch der überwältigenden Mehrheit der über 50-Jährigen vergleicht, weiterhin selbstbestimmt leben zu können– auch im Pflegefall. Wenn das eigene Zuhause jedoch nicht den technischen und baulichen Anforderungen genügen kann, die das Wohnen im Pflegefall ermöglichen, bieten gerade Senioren-Wohngemeinschaften eine gute Alternative. Die Gemeinschaften sind zumeist barrierefrei gestaltet und ermöglichen außerdem, weiterhin selbstständig bleiben zu können und dennoch Ansprechpartner und Helfer in der Nähe zu haben.

Unklare Rechtslage

Die Feststellung, dass Senioren-WGs in der Befragung nur relativ selten als selbst gelebte Wohnform angegeben wurden, liegt wohl auch in der einfachen Tatsache begründet, dass es aufgrund einer unklaren Rechtslage bisher wenige Pflegewohngemeinschaften gibt. Sogar bereits lange Jahre bestehende Pflege-Wohngemeinschaften haben immer wieder das Problem, dass die Heimaufsicht die Pflege-WGs als Mini-Heime betrachten - mit den hohen Auflagen, die für Heime gelten. Im niedersächsischen Heimgesetz fehlt, anders als in den Gesetzen anderer Bundesländer, die genaue Definition einer Pflege-WG. Für den Betrieb einer Wohngemeinschaft gibt es deshalb derzeit nur zwei Möglichkeiten: Entweder wird die WG als selbstbestimmt eingestuft oder es gelten strenge Auflagen wie für ein Pflegeheim, die WGs kaum erfüllen können. Andere Bundesländer kennen auch Zwischenstufen.

Insbesondere Wohngemeinschaften mit Demenzkranken haben Schwierigkeiten, diese Anforderungen zu erfüllen. So muss bei der Leistung der häuslichen Krankenpflege in ambulanten Wohngemeinschaften die Voraussetzung erfüllt sein, dass der Versicherte seinen Lebensmittelpunkt in einer Einrichtung hat, in der ein selbstbestimmtes Leben und Wohnen tatsächlich gegeben ist. Das Oldenburger Verwaltungsgericht hatte im Jahr 2012 jedoch entschieden, dass WGs mit Dementen grundsätzlich nicht selbstbestimmt sein können. Pflege- und Patientenverbände protestierten. So forderten die Alzheimergesellschaft Niedersachsen, die Landesgruppe des Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste BPA und der Landesverband der Johanniter eine schnelle Änderung des Gesetzes. Die neue Sozialministerin Niedersachsens Cornelia Rundt kündigte eine Überarbeitung des Gesetzes an. Die rot-grüne Landesregierung in Hannover hat eine Arbeitsgruppe aus Fachleuten eingesetzt, mit dem Ziel, das Landesheimgesetz zu überarbeiten. Das wird frühestens in diesem Jahr der Fall sein. Bis dahin können die derzeit existierenden Pflegewohngemeinschaften nur auf Duldung der Heimaufsicht hoffen.